Was ist vom Betriebsarzt zu beachten, wenn er von einem Mitarbeiter oder der Firmenleitung erfährt, dass eine neue Substanz im Unternehmen eingesetzt wird?
Sie sollten schnell handeln, besonders wenn ein Totenkopfsymbol auf dem Etikett die Benutzer erschreckt.
Ist noch kein Sicherheitsdatenblatt vorhanden, so können Sie als Betriebsarzt dennoch über das Etikett den Namen des Produkts, die Konzentration der Chemikalie und die CAS-Nr. herausfinden.
Mit diesen Daten kann die Toxizität des Produkts bestimmt werden (bei Einnahme, Einatmen oder Berührung). Anschließend können vorbeugende Maßnahmen eingeleitet und die Vorgehensweise für die Erste Hilfe bestimmt werden.
Beispiel Nr. 1
Wir haben ein Produkt X, das
- 21 % ISOOCTYLACRYLAT enthält.
Auf dem Etikett wird das Produkt als REIZEND bezeichnet. Die anderen Bestandteile des Produkts sind auf dem Etikett nicht aufgeführt.
Daraus läßt sich schließen, dass es sich bei den anderen, unbekannten Substanzen um ungefährliche Substanzen handelt, die nach der EU-Gesetzgebung nicht auf dem Etikett erscheinen müssen.
Man kann sich also auf das ISOOCTYLACRYLAT konzentrieren, dessen CAS-Nr. bekannt ist. Dadurch erfahre ich, dass diese Chemikalie ab einer Konzentration von 10 % REIZEND auf die Augen, die Atemwege und die Haut wirkt (R 36, 37, 38).
Außerdem erfahre ich, dass es sehr giftig für Wasserorganismen ist (R 50) und in Gewässern längerfristig schädliche Wirkung haben kann (R 53).
Daher sollte ich sofort das Tragen von Schutzkleidung - Schutzbrille, Handschuhe und Maske - zur Pflicht machen je nachdem wie das Produkt angewendet wird (Stäube, Flüssigkeiten, Dämpfe etc.).
Das Vorhandensein von Körperduschen oder Augenduschen je nach Kontaminationsrisiko (Größe der möglicherweise betroffenen Körperoberfläche, Spritzer durch kleine Tröpfchen, Produkt erhitzt oder nicht, Belüftung) ist zwingend erforderlich. Die Behandlung durch den Betriebsarzt sieht folgendermaßen aus:
- Sofortige Spülung mit Previn® oder mit Wasser, falls kein Previn® vorhanden ist,
- Evakuierung aus dem verräucherten Raum oder ganz einfach die Entscheidung die Belüftung durch Öffnen der Fenster zu erhöhen,
- bei massiver Vergiftung KRANKENHAUSEINWEISUNG im Rettungswagen.
Bei massivem Einatmen sind im Zweifelsfall Schädigungen der Bronchien und der Lunge zu befürchten: Daher sollte der Patient ruhen. |
Beispiel Nr. 2
Das zweite im Unternehmen neu eingeführte Produkt ist beunruhigender, weil das Etikett ein TOTENKOPFSYMBOL zeigt: Es kann sich also entweder einfach um:
- eine GIFTIGE Substanz
- oder eine SEHR GIFTIGE Substanz handeln
- oder um eine KREBSERZEUGENDE Substanz (R 45-49) oder eine ERBGUTVERÄNDERNDE Substanz (R 46) bzw. eine die FORTPFLANZUNGSFÄHIGKEIT BEEINTRÄCHTIGENDE Subtanz (R 60) oder DAS KIND IM MUTTERLEIB SCHÄDIGENDE Substanz (R 61) handeln.
Der erste Schritt des Betriebsarztes ist der gleiche wie im ersten Beispiel:
Den Namen der Chemikalie herausfinden, ihre Konzentration und ihre Verbindung mit anderen toxischen, schädlichen, ätzenden oder reizenden Substanzen, die weitere Vorsichtsmaßnahmen erforderlich machen.
In unserem Beispiel handelt es sich um DINITROTOLUOL in einer Konzentration von 1,5 % in der Verbindung mit 5-BROM-8-NAPHTOLACTAM in einer Konzentration von 12 %.
Dank der CAS-Nr. erfährt man, dass die Verbindung in dieser Konzentration bei Hautkontakt sensibilisierend/allergieauslösend wirkt, natürlich umso mehr bei bereits verletzter Haut. Das Gemisch ist als CMR-Stoff (cancerogen, mutagen, reproduktionstoxisch) eingestuft.
Über den Namen bzw. die CAS-Nr. findet man heraus, dass Dinitrotoluol bei Verschlucken ab einer Konzentration von 25 % schädlich ist, was man bei der Toxizitätseinstufung beachten sollte. Die allgemeine CE-Klassifikation stuft es ein als CANCEROGEN Kategorie 2 (R45), MUTAGEN Kategorie 3 (irreversibler Schaden möglich) & REPRODUKTIONSTOXISCH Kategorie 3 (R 62) (kann möglicherweise die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen).
Diese Chemikalie ist also CANCEROGEN (starke Vermutung) und das Personal muss eine Schulung über die erforderlichen persönlichen Schutzmaßnahmen erhalten, es sollte daher geprüft werden, ob diese Chemikalie durch eine andere ersetzt werden kann.
Da es auch mutagen und reproduktionstoxisch wirkt, sollten schwangere Frauen nicht an einem Arbeitsplatz eingesetzt werden, wo sie damit in Kontakt kommen und Frauen im reproduktionsfähigen Alter sollten davon in Kenntnis gesetzt werden, dass sie den Betriebsarzt so schnell wie möglich über eine Schwangerschaft informieren müssen. |
Zusammengefasst kann man sagen, das das Etikett einer Chemikalie im Notfall dazu dient, sich über die Risiken bei der Anwendung zu informieren und man in die Lage versetzt wird, schnell einen Notfallplan und Erste-Hilfe Maßnahmen einzuleiten, auch wenn die Chemikalie vorher nicht bekannt war. Natürlich sollte der Betriebsarzt alle zur Verfügung stehenden Mittel nutzen (CAS-Nr., Datenbanken), um genauer herauszufinden um welche Chemikalie oder um welches Gemisch es sich handelt.
Dr. Danièle Henny - Betriebsarzt - 17. April 2008 |